Montanarchäologie im Harz

Seit 1985, dem Ende der Grabungen im frühmittelalterlichen Herrensitz zu Düna/Osterode im südwestlichen Harzvorland, betreibt das Institut für Denkmalpflege von Hannover aus intensiv die Archäologie des westlichen Harzes. Konsequent folgte 1992 die Gründung des Stützpunktes Harzarchäologie in Goslar, mit dem die Voraussetzungen für eine intensive, forschungsorientierte Denkmalpflege im Harz geschaffen wurden. In verschiedensten Instituten der TU Clausthal, der Universitäten Göttingen, Gießen, Erlangen und Heidelberg und im Landesamt für Bodenforschung Hannover, fanden sich bereitwillige Kooperationspartner, die auf den Fachgebieten der Geologie und Mineralogie, der Chemie, Metallurgie, Physik, Paläo-Ethnobotanik, Holzkohleanalytik, Geophysik und Lagerstättenkunde, bis hin zur Geochemie und Umweltforschung, ihr spezielles Wissen zur Erforschung des vorindustriellen Bergbau- und Hüttenwesens einbringen. Ziel dieses losen Verbundes - in dem allerdings leider immer noch der Historiker fehlt - von durchschnittlich 15 Wissenschaftlern der verschiedensten Disziplinen ist, die Siedlungskammer Harz mit ihrem Vorland als vom Bergbau- und Hüttenwesen mit seinen Wechselwirkungen zwischen Mensch, Technik, Natur und Umwelt geprägte Kulturlandschaft - über die triviale Erkenntnis hinaus, daß das Montanwesen schon immer eine Kontaminierung der Umwelt verursachte - in verschiedenen zeitlichen Dimensionen, bis zurück zu den Anfängen vermutlich in der Bronzezeit zu erfassen.

Geschichtlicher Abriß

Trotz der bedeutenden Rolle, die gerade das südliche Harzvorland in der Auseinandersetzung zwischen den Thüringern einerseits und den Sachsen und Franken andererseits bereits gegen Ende des 6.Jhs.n.Chr. gespielt haben muß, tritt es für uns faßbar erst über 300 Jahre später in die Geschichte ein. Es ist das Stammland der ottonischen Herrscher seit König Heinrich I. (919 n.Chr.) aus dem Geschlecht der Liudolfinger, dessen Großvater Liudolf das spätestens seit 850n.Chr. nachweisbare Herzogtum Ostfalen inne hatte. Sein Sohn Brun wurde bereits um 870 n.Chr. Herzog von ganz Sachsen.

Um 780 n.Chr. stellte der Comes Liutolf de Saxonia, der erste in den Quellen faßbare Vertreter der Liudolfinger, den Benediktinermönchen der Reichsabtei Fulda einen Hof in Brunshausen, unmittelbar bei dem

(Foto: C.S.Fuchs)

Stammsitz der Liudolfinger in Altgandersheim, zur Errichtung eines Klosters zur Verfügung. Von hier aus nahm die Christianisierung des südöstlichen Niedersachsen seinen Ausgang. Ausgrabungen in Brunshausen konnten Reste eines untergliederten Gebäudes mit Stein-fundamenten freilegen, das zu diesem ältesten Komplex gehören dürfte und gewisse Ähnlichkeiten mit dem in Düna ausgegrabenen Repräsentativbau aufweist.

Während der Herrschaft der aus dem Hause der Liudolfinger stammenden sächsischen Könige und Kaiser seit Heinrich I., Otto I.-III. und Heinrich II. (bis 1024) nahm das Land um den Harz einen großen Aufschwung, von historischer Seite begründet durch die Öffnung von "Silberadern" am Rammelsberg unter Otto I. um das Jahr 968. Er dokumentiert sich u.a. in der allmählichen Verlagerung der Pfalz Werla nach Goslar, dem Ausbau befestigter Ansiedlungen (Nordhausen, Merseburg, Duderstadt, Quedlinburg u.a.m.) sowie der Errichtung bzw. den Ausbau neuer Pfalzen z.B. in Pöhlde (aus liudolfingischem Eigenbesitz, seit 957 vorzugsweise Festtagspfalz), Grone (zwischen 941 und 1025 mehr als 15 Mal aufgesucht) Derenburg oder Tilleda.

Neben Goslar erlangte das am südwestlichen Harzrand gelegene Gittelde besondere Bedeutung. Es gehört zu einer von den Liudolfingern zur Verwaltung ihres Besitzes in regelmäßigen Abständen angelegten Reihe von Höfen, von denen Seesen, Gittelde, Lasfelde, Pöhlde und Ellrich aus den Urkunden des 10.Jhs. erschließbar sind. In Gittelde waren außer den Liudolfingern auch andere bedeutende Adelsfamilien, so die Immedinger und Billunger begütert. Nachdem Otto I. den dortigen billungischen Besitz eingetauscht hatte, schenkte er diesen 953 dem Magdeburger Mauritiuskloster und gestattete 965 dem Bistum Magdeburg, in Gittelde Münzen zu schlagen und einen Markt abzuhalten. Das Ausmaß dieser Münzstätte wird erst durch erneute, weit ausgreifende Untersuchungen zur Herkunft der Münzmetalle wirklich erkennbar werden.

Mit der Wahl Konrads II., eines Ururenkels Ottos I. zum König im Jahre 1024 und seinen Nachfolgern Heinrich III.-V., beanspruchte das Haus der Salier auch das reiche Eigengut der Liudolfinger als Königsgut. Als Heinrich IV. seit 1068 versuchte, durch Beharren auf alten Königsrechten die Rechte der inzwischen erstarkten einheimischen Adelsgeschlechter zu beschneiden, kam es zu offenen Empörungen des Adels ebenso wie der einheimischen Bauern, begünstigt durch die Konflikte Heinrichs mit dem Römischen Stuhl. Bis 1075 waren mehrere bewaffnete Auseinandersetzungen mit den aufständischen Papstanhängern unter Führung Ottos von Northeim notwendig, bis ein vorläufiger Friedensvertrag geschlossen werden konnte. Jedoch waren die folgenden Jahre, beginnend mit der erneuten Ächtung Heinrichs IV. durch Papst Gregor im Jahre 1080, bis zum Tode seines Sohnes Heinrich V. im Jahre 1125, geprägt durch Auseinandersetzungen mit Rom und den einheimischen römischen Parteigängern. In dieser Zeit konnte sich das schwäbische Adelsgeschlecht Friedrichs von Staufen als Königstreue bewähren und die Welfen unter dem Nachfolger Heinrichs V., dem sächsischen Herzog Lothar von Süpplinburg, das sächsische Herzogtum erlangen. Als nach dem Tode Lothars jedoch im Jahre 1138 der Staufer Konrad III. von den Fürsten zum König gewählt wurde und den Welfen das sächsische Herzogtum wieder wegnahm, waren die Weichen für die künftigen Auseinandersetzungen gestellt. Zwar versuchte der Nachfolger Konrads III., Friedrich I. Barbarossa, Frieden zwischen den beiden Parteien zu stiften indem er seinem Vetter, dem Welfen Heinrich d.Löwen das sächsische Herzogtum zurückgab, jedoch setzte der Streit seit 1176, während der Auseinandersetzungen Friedrichs mit dem Papst, wieder ein. Als Friedrich hierbei die militärische Unterstützung Heinrichs d.L. benötigte, sagte sie ihm dieser nur gegen die Überlassung der Stadt Goslar mit ihren reichen Silbereinkommen zu, was Friedrich ablehnte. Nach der Einigung mit dem Papst ging Friedrich gegen den Welfen vor. In dem bis 1181 folgenden Krieg wurde das Harzvorland ebenso wie weite Teile des südwestdeutschen Raumes verwüstet. Im Jahre 1180 zerstörte Heinrich die Goslarer Hüttenbetriebe, was nach der historischen Lehrmeinung die Eröffnung des Oberharzer Bergbaus zur Folge hatte, da die Hüttenleute in die sichereren Bergregionen abwanderten. Nach der Unterwerfung Heinrichs im Jahre 1181 blieben ihm "nur" noch die Güter seiner Familie aus billungischem, brunonischem, süpplinburgischem, katlenburgischem und northeimischem Erbe.

Von einer stauferfeindlichen Partei wurde Otto IV., der Sohn Heinrichs d.L., zum Gegenkönig erhoben und stellte nach der Ermordung Philipps, des jüngeren Sohnes Friedrichs I., ab 1209 den letzten aus Norddeutschland stammenden Herrscher. Jedoch konnte er den Herrschaftsantritt Friedrichs II. nicht verhindern. Als Friedrich II. versöhnend im Jahre 1235 den welfischen Besitz zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg erhob und den Enkel Heinrichs d.L., Otto das Kind, damit belehnte, war dies das Signal für die Expansion des bis dahin zersplitterten Herrschaftskomplexes zum spätmittelalterlichen Territorialstaat. Lediglich Goslar erlangte 1340 das Heerschildrecht und damit die Anerkennung der Reichsfreiheit, die der Stadt bis 1802 erhalten blieb.

An diesen Fixdaten orientierte sich die bisherige Forschung. Abweichende Meinungen, vertreten vor allem durch den leider viel zu früh verstorbenen Archäologen Walter Nowothnig, ernteten in der Fachwelt ebenso wie in der Heimatforschung nicht nur Ablehnung, sondern sogar Spott und Hohn. Andere Bearbeiter entzogen sich neuen Erkenntnissen vor allem durch die Reproduktion schon allgemein akzeptierter Ergebnisse und derer wenig fundierter Interpretation.

Dieser verkürzt dargestellten Forschungssituation sahen wir uns gegenüber, als wir bei Grabungen in der Wüstung Düna/Osterode Erze und Schlacken fanden, die durch den Befundzusammenhang vor den offiziellen Beginn des Bergbaus im Harz zu datieren waren. Durch intensive Analytik konnten verschiedene Oberharzer Gangerze und Rammelsberger Erz identifiziert werden. Die ersten C14-Datierungen, die in die Jahrhunderte nach Christi Geburt wiesen, können heute durch ein calibriertes Datum ergänzt werden, wonach bereits in vorchristlicher Zeit Oberharzer Eisenerze in Düna verhüttet wurden. Als sich die denkmalpflegerisch begründete Möglichkeit bot, in den Harz selbst einzugreifen, war uns dies daher eine willkommene Gelegenheit, die neuen Theorien über den Harzer Bergbau im Lagerstättenrevier selbst zu überprüfen. Erschlagend war zunächst die Fülle und Vielfalt der Bodendenkmale, die zumeist weder datiert, noch bestimmten Zusammenhängen zugeordnet werden konnten.

Die Bodendenkmale

Grundlage jeder weiterführenden Bearbeitung ist die Kenntnis der Bodendenkmale selbst. Ein Schwergewicht unserer Arbeit liegt daher zunächst auf der Prospektion. Mit Hilfe neuer, u.a. geochemischer Methoden konnten wir im Rahmen eines VW-Projektes die Zahl der Hüttenplätze in 2 Testgebieten verdoppeln. Die bei der Auffindung neuer Fundplätze routinemäßig einsetzenden Arbeitsabläufe, begonnen mit der Inventarisierung und Dokumentation bis hin zur definierten Probenahme für die verschiedenen naturwissenschaftlichen Untersuchungen, schaffen die Basis für eine fundierte Interpretation. Dabei werden Aussagen zu Zeitstellung, technischen Prozessen und Wechselwirkungen mit dem natürlichen Umfeld, z.B. zu historischen Umweltschäden möglich.

Unterstützt und erweitert werden solche Aussagemöglichkeiten durch exemplarische Grabungen an gefährdeten Denkmalen. Die Untersuchung von Hüttenplätzen führt zur Klärung der komplizierten Verarbeitungsprozesse ebenso wie der inneren Struktur der Werkplätze. Die Einbindung des Stützpunktes Harzarchäologie in die denkmalpflegerische Alltagsarbeit bringt es mit sich, daß auch sonst unberücksichtigte Quellen wie Gräberfelder oder städtische Siedlungen für die Montanarchäologie erschlossen werden und sich die Interpretationsmöglichkeiten erweitern.

Geologische Voraussetzungen

Die Lagerstätten sind die Grundvoraussetzung jeder metallurgischen Betätigung. Dabei spielt bereits die Lagerstättenzuordnung der Erze eine wichtige Rolle bei weiterführenden Aussagen z.B. über den Transport der Erze und die Organisation des Bergbaus. Die beiden wichtigsten Erzsorten - die aus der Rammelsberg-Lagerstätte und aus den Oberharzer Gängen - sind bereits makroskopisch zu unterscheiden. Zudem gibt ihr Bleigehalt uns selbst in Fertigprodukten die Möglichkeit, anhand allerdings recht aufwendiger Bleiisotopenanalysen, Schlüsse auf die Herkunft des Ausgangsmaterials zu ziehen. In Zusammenarbeit mit den hierauf spezialisierten Naturwissenschaften sind aus derartigen Serien-untersuchungen fertiger Produkte, z.B. von Münzen, weitreichende neue Erkenntnisse zu den frühen Wirtschaftsstrukturen zu erwarten.

Zuliefererwirtschaft

Das Bergbau- und Hüttenwesen bedingte eine Reihe von Wirtschaftszweigen, die nicht direkt am Bergbau- und Hüttenwesen Anteil nahmen, jedoch unerläßlich für diese waren.

Zunächst ist hier das Köhlerhandwerk zu nennen, das neben dem Erz die unersetzliche Komponente Energie produzierte. Im Gelände begegnet uns die Köhlerei in Form von Meilern. Dabei gibt es neben den im Gelände meist leicht erkennbaren, jüngeren Platzmeilern auch ältere, äußerlich zunächst kaum von Baumwürfen etc. unterscheidbare Grubenmeiler. Die Untersuchung dieser Produktionsstätten bis hin zur Bestimmung der für die Holzkohleherstellung verwendeten Hölzer und der Rekonstruktion des Waldbildes, ist Aufgabe der Holzkohleanalytik und der Paläoethnobotanik, die uns wertvolle Hinweise auf den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt in den verschiedenen Zeiten geben. So ist es uns am Johanneser Kurhaus gelungen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Grabungsgelände, ca. 25 Grubenmeiler zu erfassen und über C14 in die Zeit um 700n.Chr. zu datieren.

Vom Austausch der Produkte - entweder mußte die Holzkohle zum Erz gebracht werden oder umgekehrt, zeugen die vielen Hohlwege. Schwierigkeiten bereitet die Datierung dieser Wege, die einmal kaum ausgegraben, zum andern immer wieder benutzt wurden. Klar scheint sich abzuzeichnen, daß das Erz, wie auch in moderner Zeit, zur Holzkohle transportiert wurde, da man für die Verhüttung ein Vielfaches des Erzvolumens an Holzkohle benötigte.

Am Johanneser Kurhaus bei Clausthal-Zellerfeld konnten wir durch die Schichtverhältnisse einen solchen Weg in das 11./12.Jh. datieren. Die Befunde erlauben Aussagen über die verwendeten Transportmittel, wie z.B. deren Spurbreite oder Achshöhe.

Nicht aus den Augen verloren werden dürfen die sog. normalen Produktionszweige wie die Landwirtschaft, deren Relikte z.Z. vor allem im Harzvorland zu finden sind oder die Viehwirtschaft. Hier muß die Frage nach der Spezialisierung der einzelnen Siedlungen oder Betriebe und damit nach einem wahrscheinlichen Güteraustausch gestellt werden.

Ebenfalls zu den Zulieferern zu zählen sind die Schmiede, die das Werkzeug sowohl für den Bergbau als auch für das Hüttenwesen fertigten und, wie am Johanneser Kurhaus, auch reparierten. Die Lokalisierung von sog. Bergschmieden ohne größere Ausgrabungen erscheint recht schwierig.

Bergbau- und Hüttenwesen

Für uns z.Z. faßbar ist die Tätigkeit des Alten Mannes in Form von Pingen, das sind oberirdisch sichtbare Erdtrichter, in denen oberflächennahe Erzvorkommen im Tagebau abgebaut wurden und in Form von Stollen und Schächten, die zumeist aus den jüngeren Bergbauperioden stammen. Erkennbar waren die Lagerstätten an den sog. Ausbissen, in denen die Vererzungen bis unmittelbar an die Oberfläche reichten.

Den wirklich alten Bergbau in Form von Abbauspuren nachzuweisen, ist uns bisher nicht gelungen. Es bedarf bei der im Harz vorhandenen Überprägung der alten Baue durch den neuzeitlichen Bergbau des besonderen Glückes, solche Bergbauspuren zu finden. Hier muß die intensive Archivforschung helfen, aus den bekannten Abbauen die nicht urkundlich erfaßten auszuscheiden. Unter diesem Rest können die gesuchten Relikte sich verbergen.

Das Hüttenwesen begegnet uns im Gelände in mehr oder weniger großen Abfallhaufen, den Schlackenhalden. Während die riesigen Halden der Neuzeit kaum zu übersehen sind, bedarf es zur Lokalisierung der älteren - und zumeist kleineren - Halden des geübteren Auges, wenn uns nicht bereits die zerstörenden Mineraliensammler u.a. eine breite Spur hinterlassen haben. Von den Botanikern haben wir gelernt, anhand typischer Schwermetallvegetation verdächtige Stellen zu sehen. Ähnliche Hinweise dürften auch für die früheren Erzsucher bedeutsam gewesen sein.

Mit der Entdeckung eines Schlackenplatzes kommt eine ganze Bearbeitungslawine ins Rollen.

Selbstverständlich, wie auch bei den übrigen Bodendenkmalen, ist die Inventarisierung und Dokumentation des Platzes. Naheliegend ist die Frage, was an dem Platz gemacht wurde. Wir

(Foto: C.S.Fuchs)

haben inzwischen gelernt, daß die visuelle Beurteilung der Schlacken meist in die Irre führt, eine repräsentative Anzahl von Analysen ist notwendig. Damit noch nicht geklärt ist die Frage nach dem Alter des Platzes. Zufällige Funde geben keine sichere Antwort. Wir mußten z.B. am Riefenbach bei Bad Harzburg erfahren, daß ein dort von uns ursprünglich auf Grund von Oberflächenfunden als frühneuzeitlich eingestufter Hüttenplatz mindestens 400 Jahre älter war.

Ist eine Grabung nicht möglich, so hilft in der Altersfrage lediglich die Datierung von Holzkohlen, möglichst aus Schlacken extrahiert, weiter. Wünschenswert wäre, wenn man die Herkunft des verhütteten Erzes bestimmen könnte über die mögliche Unterscheidung Rammelsberg/Oberharz hinaus. Hieraus würden sich Fragen nach der Organisationsstruktur der zeitgleichen Hütten lösen lassen. Ansätze hierzu liefert uns wiederum eine Grabung am Johanneser Kurhaus bei Clausthal-Zellerfeld:

Als älteste Verhüttungsphase wird im 9./10.Jh.n.Chr. die Verhüttung von Bleiglanz faßbar. Das Erz dürfte von dem unmittelbar benachbarten Zellerfelder Hauptgang stammen. Ob das notwendige Brennmaterial von den bereits erwähnten Grubenmeilern im Nachbarhang stammt, ist noch ungewiß. Im 11.Jh. prägen mächtige Abraumhalden das Gelände, die Verhüttung ist nur noch in geringem Maße faßbar. Im 12.Jh. wiederum werden auf den Abraumhalden mehrere Arbeitspodeste errichtet, auf denen sich u.a. der Treibprozeß, die Erzaufbereitung auf sog. Unterlegblöcken, wie sie uns aus dem 16.Jh. überliefert ist und eine Schmiede nachweisen lassen.

Spätestens in diesem Stadium ist das Nebeneinander verschiedener Arbeitsprozesse faßbar, wohingegen in den früheren Phasen zumindest kleinräumig ein Nacheinander wahrscheinlich ist.

Neue Erkenntnisse zur Organisation des Bergbaus sind von Grabungen des Sommers 1993 innerhalb des Stadtgebietes zu erwarten. Dort konnte für das 12.Jh. ein Erzlager nachgewiesen werden, von dem aus vermutlich die Anteile an die verschiedenen Eigner verteilt wurden. Diesem Befund kommt im Zusammenhang mit dem doch recht weiten Transport der Erze eine bisher ungeahnte Bedeutung zu.

Weiterverarbeitung der erschmolzenen Metalle

Auch hier stellen sich die Fragen nach Datierung, Prozeßbestimmung, Metall-herkunft etc. mit all den notwendigen Bearbeitungsschritten. Eine Möglichkeit der Weiterverarbeitung im Harzgebirge im Treibprozeß, bei dem im 12.Jh.n.Chr. das Silber aus dem erschmolzenen Blei/Silber-Gemisch extrahiert wird, konnte in den Grabungen am Johanneser Kurhaus bei Clausthal-Zellerfeld nachgewiesen werden.

Ein etwa zeitgleicher Werkplatz wurde am Riefenbach bei Bad Harzburg erfaßt. Die komplexe Struktur des nahezu komplett ausgegrabenen Platzes mit vermutlich mehreren Arbeitsgängen widerspricht den Befunden, die wir im 9./10.Jh. im Harzvorland in Form von spezialisierten Betrieben zur Weiterverarbeitung finden. Für diese Zeit konnten wir zusammen mit dem jüngst leider verstorbenen ehrenamtlichen Beauftragten für die Archäologische Denkmalpflege des Landkreises Osterode, Herrn Wilhelm Reissner, in Badenhausen eine Raffinierhütte für Silber fassen. Auch die metallurgischen Aktivitäten am frühmittelalterlichen Herrensitz von Düna/Osterode gehören eher in diesen Kreis.

Ob sich mit diesen beiden Plätzen: 12.Jh. Im Harz und 9./10.Jh. im Harzvorland bereits eine zu verallgemeinernde strukturelle Veränderung abzeichnet, ist noch nicht zu entscheiden. Auch die Frage nach den angewandten Prozessen - bis hin zur ersten Seigerhütte - ist noch offen.

Absatzmärkte und Handel

Daß Duisburger Kaufleute in der 2.Hälfte des 10.Jhs. in immer steigendem Maße Metalle des Harzes rheinauf und -ab verschifften, gibt einen wichtigen Anhaltspunkt für den Einfluß des Harzes. Die Ausmaße dieses Handels in noch früherer Zeit läßt sich noch nicht erahnen. Auch hier müssen bis nach Skandinavien ausgreifende Serienuntersuchungen mit den zur Verfügung stehenden Analysemethoden durchgeführt werden. Über den Handel mit dem Rohmaterial Erz geben uns die Grabungen in Düna/Osterode einen Hinweis. Der für Düna erbrachte Nachweis des Erztransportes aus den verschiedenen Lagerstätten des Harzes vermutlich zur Holzkohle im Harzvorland wird auch für andere Siedlungen zu erbringen sein. So wird es kaum Zufall sein, daß in den bekannten frühen Pfalzen Werla und Tilleda Hinweise auf Metallverarbeitung beobachtet wurden. Ähnliches gilt für die großen frühmittelalterlichen Bischofsstädte wie Hildesheim und Magdeburg.

Wie eine Reihe von Importfunden belegt, war dieser Handels zu keiner Zeit einseitig. Von der importierten römischen Keramik, über romanische Sakralgegenstände bis hin zur spätmittelalterlichen Feinkeramik finden sich im Harz, bzw. im Harzvorland eine Reihe von Luxusgütern, die auf teilweise recht wohlhabende Bewohner deuten.

Ich möchte die komplexen Aussagemöglichkeiten an einem Beispiel im südwestlichen Harz verdeutlichen:

Unmittelbar neben der ottonischen Münzstätte Gittelde läßt sich im benachbarten Badenhausen eine Silberraffinierhütte des 9./10.Jhs.n.Chr. nachweisen, in der aus silberhaltigem Blei das Silber gewonnen wurde. Von dieser Siedlung aus führen ganze Hohlwegbündel in das Harzgebirge. In deren Einzugsgebiet konnten wir im Rahmen unserer jüngsten Prospektionskampagne eine Reihe von zeitgleichen Schmelzhütten erfassen, in denen aus Erzen unterschiedlicher Herkunft silberhaltiges Blei erschmolzen wurde.

Auch wenn hier der letzte Beweis naturgemäß nicht erbracht werden kann, so ist die Interpretation dennoch

(Fotos: C.S.Fuchs)

schlüssig, daß es sich bei diesem Komplex um eine Produktionskette von der Schmelzhütte im Gebirge über die zentrale Raffinierhütte im Vorland bis hin zum Endabnehmer für die Münzprägung handelt. Ähnliche Verhältnisse sind auch für die frühe Münzstätte in Goslar zu erwarten.

Zusammenfassung

  1. Entgegen der bisherigen Auffassung ist bereits im 3.Jh.n.Chr. auf den Oberharzer Gängen und wenig später auch am Rammelsberg in größerem Umfange Erz abgebaut worden. Hinweise auf kaiserzeitlichen und auch urgeschichtlichen Abbau häufen sich.
  2. Bereits in dieser Zeit wurde das Erz in weiter entfernte Verhüttungszentren transportiert. Inwieweit sich hierin komplizierte Besitzstrukturen widerspiegeln, kann noch nicht entschieden werden.
  3. Bis in das 8./9.Jh. lassen sich bezüglich dieser Struktur weder archäologisch noch archäometrisch Veränderungen feststellen, die Rohstoffe wurden kontinuierlich genutzt. Verhüttungsrelikte finden sich vor allem im Harzvorland.
  4. Im 8./9.Jh. deutet sich der Beginn einer Zentralisierung der Verhüttung an, die wahrscheinlich auch eine Spezialisierung des Handwerks und eine größere Effektivität mit sich brachte.
  5. Seit ottonischer Zeit beginnt eine planmäßige Verhüttungspolitik, mit der das Reich versucht, die Produktion monopolistisch an sich zu binden. Anzeichen hierfür sind die Besitztransaktionen unter Otto I. z.B. in Gittelde. Ein Strukturwandel könnte sich dadurch abzeichnen, daß nun spätestens auch im Harzgebirge selbst Hüttenplätze eindeutig nachweisbar sind. Mit derartigen Veränderungen, die auf eine effektive Ausnutzung der Ressourcen zielen, wäre die historische Überlieferung zum Beginn des Bergbaus im Harz unter Otto I. in Einklang zu bringen.
  6. Diese Wirtschaftsform zerbricht mit dem Niedergang der salischen Herrscher. Versuche der Staufer, sich die Nutzung der Bodenschätze des Harzes als Einkommensquellen zu sichern, führen zu kriegerischen Auseinandersetzungen.
  7. Spätestens in der Mitte des 12.Jhs. ist der Zugang zu den Rohstoffen weitestgehend offen. Durch planmäßige Besitzpolitik gelingt es z.B. den Zisterziensern von Walkenried, eine Vormachtstellung in der Metallproduktion zu erlangen.
  8. Die beginnende erneute Konzentration der Produktion in den Händen einiger Weniger führt zum endgültigen Niedergang älterer, nicht in die neuen Verhältnisse integrierter Verhüttungsorte (z.B. Düna). Dafür entstehen Verhüttungszentren, die uns im Gelände mit auffallend großen Schlackenhalden begegnen.

 

Grabung Schnapsweg

Grabung Johanneser Kurhaus

 

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